Anja Sachs – Baum

Groß und stark stehst Du da,
Deine Wurzeln fest im Erdreich,
die Arme weit gestreckt zum Sonnenlicht.
Hast schon vieles um Dich rum gesehen,
die Jahreszeiten komm’n und geh’n,
doch die Menschen, die verstehen Dich nicht.

Kannst Dich kaum noch dran erinnern,
wie Du tief geschlafen hast,
bis Dein Trieb den Boden hin zum Licht durchbrach.
Und im Schutz der hohen Alten,
von Mutter Erde fest gehalten,
bist Du herangewachsen Tag für Tag.

Mit den Jahren wurd‘ es lauter
und dann ging es nicht mehr lang,
bis Du die ersten Menschen hast gesehen.
Doch nur wenn sie bei Dir lagen,
vom Schlaf fast weggetragen,
dann konnten sie Dein Murmeln verstehen.

Ihre größten Emotionen
haben sie mit Dir geteilt.
Das eingeritzte Herz wuchs fortan mit.
In Deinem Schatten hab’n sie sich liebkost,
Dein Stamm gab ihnen oftmals Trost,
selbst Tod und Trauer teilten sie Dir mit.

Groß und stark bist Du geworden
und warst immer für sie da.
Doch eines Morgens standen sie vor Dir.
Ihre Axt grub sich in Deinen Leib.
Zerstört, zerstückelt und entweiht,
so nahmen sie Dein Leben von Dir.

Baum