Was inspiriert mich?

Jeder Künstler hat vermutlich seine ganz eigene Erfahrung damit, was ihn inspiriert. Mich erfasst die Inspiration manchmal völlig unerwartet. Sie kommt vielleicht als ein Stückchen Melodie, oder als eine Textzeile, die dann in meinem Kopf an Gestalt gewinnt. Allerdings bin ich immer für mich alleine, wenn sie vorbeischaut, mache vielleicht gerade einen Waldspaziergang oder sitze gemütlich zuhause. Sie kommt also immer fern ab von jeglichem Trubel. Dann heißt es, eine Entscheidung zu treffen: lasse ich dieses anfangs flüchtige und fragile Fitzelchen von Idee liegen, oder hebe ich es gleich auf und mache mich an die „Arbeit“?
Entscheide ich mich dafür, das Stückchen aufzugreifen, dann setze ich mich sofort hin, um möglichst schnell eine Rohfassung der Idee zu Papier zu bringen oder eine Melodie aufzunehmen, und sei es nur auf dem Handy. Denn so intensiv die Begegnung mit der Inspiration auch in dem Moment erscheinen mag, sie kann kurze Zeit darauf wieder verschwunden sein und mit ihr die gerade entstandene Idee.

Das spätere Ausfeilen der Idee, textlich oder am Klavier, braucht dann zwar viel mehr Zeit, aber wichtig ist es, die Grundidee erst einmal festzuhalten. Danach kann das Stück weiter wachsen und das passiert sogar oft im Unterbewusstsein, beim Autofahren oder Einkaufen. Man ist sozusagen „schwanger“ mit der Idee. Während dieser Phase nimmt das entstehende Lied deshalb viel Raum in meinem Geist ein. Weitere Inspirationen zu neuen Stücken kommen bei mir meist dann erst wieder, wenn ein Song fertig ist und ich ihn nur noch zu üben brauche.

Und wie entstehen die Melodien im eigenen Kopf?
Im Laufe des Lebens füllt sich bei jedem Menschen eine Art „innerer Musik-Topf“, gespeist aus allen Musikstücken, die man jemals gehört hat, insbesondere jenen, die einen emotional berühren und denen man sich verbunden fühlt. Keith Richards, Gitarrist der Rolling Stones, sagte nicht umsonst:

„You better be aware of what you hear because it’s gonna show in your songs“

Frei übersetzt: „Achte darauf, was Du hörst; es wird sich in Deinen Songs zeigen.“
Zum anderen speist sich die Musik aus den Erfahrungen und Fertigkeiten mit dem Musikinstrument, die ein jeder in unterschiedlichem Maße erworben hat.
Das klingt vielleicht etwas „luftig“, aber es passt zu der Antwort, die Keith Richards auf die Frage „Wie schreibt ihr eigentlich eure Songs“ gab:

„Songs are surrounding us. We just grab into the air and write them down.“

Keith Richard’s Bild, die Songs seien bereits da, man müsse sie sich nur noch aus der Luft schnappen und niederschreiben, spiegelt sich auch in meiner eigenen schamanischen Erfahrung der Inspiration wieder.
Ich sehe sie als eine Art Quelle, ein „Loch“ im Boden, mit großen Steinen ebenerdig umrandet, aus dem ein unermesslicher und unaufhörlicher Inspirationsstrom aus der Tiefe in einem riesigen „Wirbelkörper“ nach oben steigt. Wer sich an den Rand dieses Kreativitäts-Wirbelsturms begibt und sich dafür öffnet, kann Ströme davon aufnehmen und in seine ganz eigene Kunst übersetzen. Und diese „Übersetzung“ ist eine zutiefst Persönliche. Derselbe Strom würde von einem anderen Menschen auch anders wahrgenommen, als auch ganz anders „übersetzt“ werden – sowohl textlich, als auch in Melodie und Musik. Deswegen ist es kein Problem, ein Thema, welches sich schon in Hunderten von Liedern wieder findet, noch einmal aufzugreifen. Jeder Künstler findet eine andere Melodie und andere Bilder und Worte, um das Thema so auszudrücken, wie es durch ihn hindurch möchte. Manche wählen völlig andere Kunstformen, um ein und dasselbe Thema auszudrücken, z.B. als Gemälde, als Plastik usw.

Quelle

Es ist ein besonderes Gefühl, manchmal eine Idee in dieser „universellen Quelle“ erspähen und daraus etwas formen zu können. Ich fühle mich dann verbunden mit etwas Größerem als dem eigenen selbst. Und der Prozess ist mit nüchternen Worten kaum zu beschreiben. Es hat etwas mysteriöses und ebenso beglückendes an sich.
Bob Dylan schwieg einen Moment, als er die Frage gestellt bekam, woher seine Songs denn kommen. Dann sagte er:

„I stare into the mist and try to get in touch with that wellspring of creativity. And from there they come to be with me“.

(Ich starre in den Nebel und versuche, mit der universellen Quelle der Kreativität in Berührung zu kommen. Und von dort kommen die Songs und begleiten mich.)


Dieser Text gehört zur Blogparade „Was inspiriert Dich?“ des Netzwerks Ariadne und wird Teil eines eBooks. Kulturschaffende Kolleginnen und Kollegen aus dem Raum Wiesbaden, die noch bis zum 31. Oktober 2016 bei der Aktion mitmachen wollen, finden die Teilnahmebedingungen unter https://netzwerkariadne.wordpress.com/2016/08/22/ein-ebook-zum-geburtstag

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