Anja Sachs – Die alte Frau

Der Schnee tanzt stumm im Licht der Straßenlaterne,
das Feuer erlischt, ihr wird kalt.
Als kleines Kind hatte sie Weihnachten gerne,
die Jahre gingen und heut ist sie alt.
Ihr Sohn schaut seit langem nur noch selten vorbei, ein Gruß nur am Telefon – das wars.
Die Briefe vom Mann liegen verblichen und zerlesen neben dem Hochzeitsbild hinter Glas.

Der Fernseher flimmert, doch sie schaut nicht mehr hin,
Streit und Tod sah sie schon zuviel.
Hätte lieber Gespräche mit Tiefgang und Sinn,
ist alt, aber doch nicht senil!
Die Katze schnurrt und liegt dich neben ihr, da ist niemand sonst, der sie noch braucht.
Ein weiterer langer Abend steht vor ihrer Tür, in einsame Stille getaucht.

Die Finger auf der Decke spüren noch immer jede Faser,
wie damals, als sie noch Näherin war.
Heute streift nur der Doktor noch flüchtig ihre Hände –
kein Ersatz für die Zeit, die mal war.
Die Umarmungen und die Liebe wie von fernen Gestaden… Einsamkeit heißt das Problem.
Und dass kaum einer merkt, ob sie verweilt oder geht, ist ein Weg, der so schwer ist zu gehen.